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Corona und BerlinBrennt

Ein mahnender Zwischenruf für jetzt und danach

In Zeiten, in denen das ganze Land verwirrt und wie erstarrt wirkt, erstarrt wegen dem Schreck, verwirrt wegen widersprüchlicher Aussagen und Maßnahmen, die immerhin über Leben und Tod entscheiden können, sind natürlich die „Alltagsprobleme“ der Berliner Feuerwehr etwas in den Hintergrund getreten.

Auch wir von BerlinBrennt mußten und müssen uns erstmal etwas sortieren. Trotzdem sind wir nicht weg und möchten hiermit auf ein paar inhaltliche Zusammenhänge zwischen der aktuellen Krise und der desolaten Situation bei der Feuerwehr hinweisen:

Die Berliner Feuerwehr ist in Berlin für die Durchführung des Rettungsdienstes zuständig.
Damit zeichnet sie natürlich auch verantwortlich für die Durchführung von kritischen Interhospitaltransporten, sogenannten Not- oder Intensivverlegungen.

Die Anrufe wegen Grippesymptomen oder – verdacht haben massiv zugenommen. Anrufer nennen oft als Grund, daß sie über die 116117 nicht durchkommen.
Frage: Wie viele Leitungen sind dort geschaltet, wie viele Mitarbeiter nehmen die Anrufe entgegen? Es kann nicht sein, daß Hilfesuchende gezwungenermaßen die 112 wählen, weil sie stundenlang beim Bereitschaftsarzt der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) niemanden erreichen! Damit wird die Leitstelle der Feuerwehr noch mehr belastet, als sie es ohnehin schon ist!

Und leider wird, wegen dem altbekannten Problem der standardisierten Notrufabfrage (SNAP), daraus auch noch oft genug ein (oft unnötiger) Rettungsdiensteinsatz , der die ohnehin überlasteten Kollegen noch mehr in Anspruch nimmt.

Wenn die erwartete Welle der intensiv- bzw. beatmungspflichtigen Patienten kommt, werden die Verlegungen zwischen Krankenhäusern massiv zunehmen. Die Feuerwehr bereitet sich darauf durch die zusätzliche Indienststellung von ITW (Intensivverlegungswagen) sowie die Verstärkung der Leitstelle vor.

All dies bedeutet zusätzliches Personal, welches nicht vorhanden ist.

Die Behördenleitung ist redlich bemüht: Da werden Konzepte gestrickt, Azubis in Schnellkursen zu Leitstellenhelfern ausgebildet, Personal der BFRA (Schule) besetzt mehrere Einsatzfahrzeuge, Notärzte werden nur noch in dringenden Fällen eingesetzt (es geht also!), die Freiwilligen stopfen Lücken und Löcher wo es geht, man versucht (mit beschränkten Möglichkeiten) das Leitstellenpersonal in Gruppen zu trennen, die sich möglichst nicht begegnen, damit nicht bei einem coronainfizierten Kollegen die ganze Leitstelle ausfällt, Schutzausrüstung wird rationiert und möglichst wiederverwendet, …

Ob diese Maßnahmen reichen weiß im Moment niemand! 

Das alles wäre aber in diesem Umfang nie nötig geworden, wenn wir Reserven gehabt hätten, die eine Berufsfeuerwehr einer Großstadt haben sollte! Reserven an Material (Masken, Desinfektionsmittel etc.), vor allem aber Personalreserven! Wären sie vorhanden, wäre im Normalbetrieb ein Arbeiten möglich gewesen, welches die Leute nicht ausbrennen, krank werden oder zu anderen Feuerwehren wechseln läßt. BerlinBrennt wäre nicht entstanden.

Und man müßte jetzt nicht panisch den Mangel verwalten!

Und spätestens da schließt sich der Kreis zu allen anderen Bereichen im Gesundheitswesen: Jahrelanges Sparen auf Kosten der Mitarbeiter, das
Wirtschaftlichkeitsdiktat, welches zu immer mehr Arbeit für den Einzelnen führte, Privatisierungen von Krankenhäusern und anderer Bereiche der öffentlichen Gesundheitsversorgung führen eben dazu, daß man immer am Limit arbeitet und keine Reserven hat. Die im Ernstfall, wie jetzt, schmerzlich fehlen! Die man aber eben nicht mal schnell aus dem Boden stampfen kann!

Dieses miese Spiel spielt man in Deutschland seit mindestens 20 Jahren mit großen Teilen des Rettungsdienstes und der Feuerwehr genauso wie mit Pflegekräften! Und die gleichen Leute, die uns seit Jahren immer mehr Arbeit aufbürden und gleichzeitig finanziell kurz halten, spielen sich jetzt als Macher, als Retter in der Not auf! Jetzt haben sie nur noch die
Möglichkeit ein ganzes Land komplett lahmzulegen, um das Gesundheitssystem nicht kollabieren zu sehen.

Aber warum ist es denn so nah am Kollaps? Weil es seit vielen Jahren auf maximale Auslastung getrimmt wurde! Reserven waren aus wirtschaftlichen Erwägungen nicht Bestandteil des Plans! Obwohl man es hätte wissen können, dazu muß man sich nur die Veröffentlichungen des RKI der letzten Jahre ansehen.

Was sagt uns das? Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge (Kliniken, Praxen, Feuerwehren, Rettungsdienst,…) sollten nie ausschließlich unter wirtschaftlichen Erwägungen geplant und betrieben werden!

Ob man sich daran, wenn die Krise hoffentlich irgendwann ausgestanden ist, noch erinnern wird? Wir befürchten nicht!

Eins ist klar: Die meisten Kollegen können warme Dankesworte von Vorgesetzten und Politikern, für die außergewöhnliche Einsatzbereitschaft und tolle Leistung, schon lange nicht mehr hören. Weil sie wissen, daß es nur leere Worte sind, der nächste Engpaß aber schon morgen wartet!

Und sie unterscheiden dabei sehr genau zwischen ehrlichen Bekundungen vom Balkon und falschen Beteuerungen durch Verantwortliche, die trotz jahrelanger Mahnungen nie wirklich was geändert haben! 

Fazit: Irgendwann wird Corona hoffentlich überstanden sein. Spätestens dann ist die Zeit für Pflegekräfte, Ärzte, Polizisten, Feuerwehrleute und allen anderen, die wissentlich und willentlich ausgenutzt werden, obwohl sie für das Funktionieren unserer Gesellschaft überlebenswichtig sind, zusammenzustehen, die Reihen zu schließen, sich unterzuhaken und das einzufordern, was ihnen zusteht! Damit unsere Gesellschaft funktioniert. Ohne dabei Menschen mit Helfersyndrom zu verbrennen!

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